Jazz Inaria

Es liegt ‚was in der Luft

lectio interruptus

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Gerade lese ich Dostojewskijs Verbrechen und Strafe in der wunderbaren Übersetzung von Svetlana Geier. All das Gesteltzte aus den älteren Übersetzungen, die mir unter dem Titel Schuld und Sühne in die Hand geriet, ist wie weggeblasen. Ich habe noch kein Buch gelesen, in dem man so viel von der Seelenpein eines Mörders erfahren hat. Und alles so unangenehm glaubwürdig. Trotzdem barg die Ausgabe, die ich zur Hand hatte, eine große Enttäschung. Mittendrin, ein Fehldruck. Gerade noch fühlte ich mich versetzt in eine Familiendiskussion zwischen Raskolnikow, seiner Schwester und seiner Mutter. Gerade wollte er ihnen eine dramatische Eröffnung machen, ich blätterte um und … sah weiße Seiten. Verzweifelt schlug ich die Seite zurück. Ja, tatsächlich, ich habe keinen motorischen Fehler begangen. Wieder vorgeblättert und noch einmal vorgeblättert, ich hoffte, es sind einfach zwei leere Seiten dazwischen geraten. Leider täuschte ich. Die zwei Seiten waren weg und keiner konnte mir in diesem Augenblick die Handlung sagen. Ach, ich hätte es ja gar nicht gewollt. Ich will die Seelenpein gefälligst aus 1. Hand erfahren. Nun gut, ich las die nächsten bedruckten Seiten, blätterte wieder um … und wieder begegneten mir zwei leere Seiten. Mein Atem geriet aus dem Rhythmus. So viel Stil und Inhalt vermochte ich nicht mehr zu interpolieren. Leider wiederholte sich dieses Schicksal für die nächsten paar Seiten, immer abwechselnd war etwas bedruckt und dann wieder leer. Und keiner konnte mir die Leere füllen. Nun komme mir keiner damit, ich könnte die fehlenden Seiten in der Buchhandlung oder in der Bibliothek nachlesen. Das ist ein anderes Buch. Buchausgaben sind nicht einfach so ersetzbar. Und noch auf meinem Totenbett werde ich an diese lectio interruptus denken und bedauern, dass ich in diesen entscheidenen Augenblicken nicht an der Seite eines Mörders sein durfte.

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Written by Jazz Inaria

Januar 20, 2008 um 7:37 pm

Veröffentlicht in lesen

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