Jazz Inaria

Es liegt ‚was in der Luft

Archive for the ‘lesen’ Category

Auf meinem Nachttisch: Encyclopédie

with 2 comments

Da blättert man durch ein Lexikon alter, sehr alter Schule, genauer gesagt, eigentlich das erste Lexikon überhaupt, noch von echten Profis geschrieben, und da stößt man auf eine Definition, die noch heute wunderbar auf den Berufsstand der Kommunikationsfachleuchten zutrifft:

 Affektiertheit in der Sprache & in der Unterhaltung ist ein Laster, das bei den Leuten, die man Schönredner nennt, weit verbreitet ist. Es besteht darin, mit gesuchten & zuweilen lächerlich gewählten Worten triviale oder alltägliche Dinge zu sagen […]“ (d’Alembert zum Stichwort Affektiertheit in Die Welt der Enzyclopédie)  

Written by Jazz Inaria

Februar 14, 2008 at 6:31 am

Veröffentlicht in lesen, sprechen, werben, zitieren

Auf meinem Nachttisch: Leo Perutz

leave a comment »

Gerade lese ich zum vermehrten Male und mit stetig wachsender Begeisterung „Nachts unter der steinernen Brücke“von Leo Perutz. Dabei leuchtete mir die altbekannte, aber manchmal vergessene jiddische Weisheit ins Auge, die ganz im Allgemeinen erklärt, weshalb die einen oder anderen Entscheidungsträger vehement die falschen Entscheidungen zur realisierten Grablegung tragen:

 „Ein Tauber hat gehört, wie ein Stummer erzählt hat, daß ein Blinder gesehen hat, wie der Lahme auf dem Seil tanzte.“ 

Na, kennen wir das nicht aus diversen Talksendungen? 

Written by Jazz Inaria

Februar 12, 2008 at 7:40 pm

Auf meinem Nachttisch: Erich Kästner

leave a comment »

Manche Dinge ändern sich nie:

„Sie könnten sich mal ein kleines, hübsches Preisausschreiben ausdenken“, meinte der Direktor. „Ihr Prospekt für Detailhändler hat uns ganz gut gefallen.“ Fabian verbeugte sich leicht.„Wir brauchen etwas Neues“, fuhr der Direktor fort. „Ein Preisausschreiben oder was Ähnliches. Es darf aber nichts kosten, verstehen sie? Der Aufsichtsrat hat schon neulich geäußert, er müsse den Reklame-Etat möglicherweise um die Hälfte reduzieren. Was das für Sie bedeuten würde, können Sie sich denken. Ja? Also, junger Freund, an die Arbeit! Bringen Sie mir bald was Neues. Ich wiederhole aber: So billig wie möglich. ’n Morgen.“Fabian ging.(Kreativ?)Direktor Breitkopf zu Fabian in Erich Kästner: Fabian von 1931.

Written by Jazz Inaria

Februar 6, 2008 at 2:56 pm

Veröffentlicht in lesen, schreiben, werben

Auf meinem Nachttisch: Iwan Turgenjew

leave a comment »

Stellen Sie sich einen Mann von hünenhaftem Wuchs vor. Auf einem massigen Rumpf sass, ein wenig schief, ohne jedes Anzeichen von Hals, ein gewaltiges Haupt; ein ganzer Schober wirrer, gelbgrauer Haare türmte sich auf ihm und begann schon fast bei den zerzausten Augenbrauen. Aus der breiten Fläche des grau-bläulichen, gleichsam gehämmerten Gesichts ragte eine kräftige Nase wie ein Zapfen hervor, hochmütig blickten beiderseits winzige blaue Augen, und unter der Nase öffnete sich ein ebenso kleiner, aber schiefer, rissiger Mund, der von gleicher Farbe wie das Gesicht war.

Iwan Turgenjew: Ein König Lear der Steppe

Written by Jazz Inaria

Januar 27, 2008 at 8:00 pm

Veröffentlicht in lesen, zitieren

Auf meinem Nachttisch: Sandór Márai

leave a comment »

In Ausübung seines Metiers stumpft der Mensch etwas ab. Sieht manchmal nur noch Sätze und Attribute statt Gefühle und Wahrheiten. Mann müsste das Stottern erlernen. Oft ist Stottern mehr als natürlicher Redefluss. Ein Schriftsteller, der nur noch gute Sätze zu Papier bringen ist, ist irgendwie unmoralisch.

Sandór Márai: Die vier Jahreszeiten

Written by Jazz Inaria

Januar 27, 2008 at 7:58 pm

Veröffentlicht in lesen

lectio interruptus

leave a comment »

Gerade lese ich Dostojewskijs Verbrechen und Strafe in der wunderbaren Übersetzung von Svetlana Geier. All das Gesteltzte aus den älteren Übersetzungen, die mir unter dem Titel Schuld und Sühne in die Hand geriet, ist wie weggeblasen. Ich habe noch kein Buch gelesen, in dem man so viel von der Seelenpein eines Mörders erfahren hat. Und alles so unangenehm glaubwürdig. Trotzdem barg die Ausgabe, die ich zur Hand hatte, eine große Enttäschung. Mittendrin, ein Fehldruck. Gerade noch fühlte ich mich versetzt in eine Familiendiskussion zwischen Raskolnikow, seiner Schwester und seiner Mutter. Gerade wollte er ihnen eine dramatische Eröffnung machen, ich blätterte um und … sah weiße Seiten. Verzweifelt schlug ich die Seite zurück. Ja, tatsächlich, ich habe keinen motorischen Fehler begangen. Wieder vorgeblättert und noch einmal vorgeblättert, ich hoffte, es sind einfach zwei leere Seiten dazwischen geraten. Leider täuschte ich. Die zwei Seiten waren weg und keiner konnte mir in diesem Augenblick die Handlung sagen. Ach, ich hätte es ja gar nicht gewollt. Ich will die Seelenpein gefälligst aus 1. Hand erfahren. Nun gut, ich las die nächsten bedruckten Seiten, blätterte wieder um … und wieder begegneten mir zwei leere Seiten. Mein Atem geriet aus dem Rhythmus. So viel Stil und Inhalt vermochte ich nicht mehr zu interpolieren. Leider wiederholte sich dieses Schicksal für die nächsten paar Seiten, immer abwechselnd war etwas bedruckt und dann wieder leer. Und keiner konnte mir die Leere füllen. Nun komme mir keiner damit, ich könnte die fehlenden Seiten in der Buchhandlung oder in der Bibliothek nachlesen. Das ist ein anderes Buch. Buchausgaben sind nicht einfach so ersetzbar. Und noch auf meinem Totenbett werde ich an diese lectio interruptus denken und bedauern, dass ich in diesen entscheidenen Augenblicken nicht an der Seite eines Mörders sein durfte.

Written by Jazz Inaria

Januar 20, 2008 at 7:37 pm

Veröffentlicht in lesen

Tagged with

Da steckt doch Freud dahinter

leave a comment »

Im Bahnhofsbuchladen schweifte mein Blick über die Auslagen. Da stand auch ein Drehregal mit der Reihe Wissen von Beck. Und das erste Buch, dessen Titel ich sah, hieß „Beschimpfungen“. Oh, toll, dachte ich, eine kurze Geschichte über das Beschimpfen in der Weltkultur. Leider habe ich mich verlesen. Das Buch trug den Titel „Schutzimpfungen.“

Written by Jazz Inaria

Januar 13, 2008 at 8:20 am

Veröffentlicht in lesen, schimpfen

Tagged with