Jazz Inaria

Es liegt ‚was in der Luft

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Hier bin ich Mensch. Hier darf ich sein. Oder?

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Büro. Kollegen. Kaffeeküche, verdreckt. Ich bin wieder daheim! In meiner Lieblingsagentur.

Zwei Wochen Urlaub liegen hinter mir. Der Chef hatte ihn tatsächlich genehmigt. Ohne größere Diskussionen. Ich habe mich nur bereiterklären müssen, ohne Maulen an zehn Wochenenden in 2007 zu arbeiten und über die Tage erreichbar zu sein. UMTS-Card sei dank.

Schön war’s. Oben auf der Berghütte mit ausreichend Luxus. Eine Aussicht, von der ich hoffentlich noch lange zehre. Deftiges Essen. Gut, wenig Schnee, aber wer will denn schimpfen. Und das Beste: Unter den anderen Gästen war kein Werber oder auch nur jemand, der etwas mit Kommunikation zu tun gehabt hätte. Ich muss den Eingangssatz dieses Absatz korrigieren: So schön hätt’s sein können. Denn weil man sich ja sonst nichts zu erzählen hatte, die Allgemeinbildung zu wünschen übrig ließ und bekannte TV-Sendungen alsbald durchgenudelt waren, kam das Gespräch natürlich auf die Arbeit: „Und Du, womit verdienst Du so Deine Brötchen?“ Seltsam, in 90 % der Fälle lautet die Frage nach der Tätigkeit, der ich nachgehe, genau so.

Ich grummelte meine Antwort. „Entschuldige, was hast Du gesagt?“ Alle Ablenkungen führten zu nichts. Kurz überlegte ich, ob ich „Atomphysiker“ antworten sollte, blieb dann aber doch bei der Wahrheit. Ganz entgegen meines Arbeitsalltags. Und was jetzt kam, sträubt noch immer meine Nackenhaare.

Der Fragende stieß wie aus der Pistole geschossen vor: „Werbung? Das ist ja alles scheiße. Ich zappe ja immer weiter, wenn Werbung kommt. Und die Zeitschriften bestehen zur Hälfte ja nur noch aus diesem Mist.“ So weit, so gut. Und er fuhr fort: „Sich einfach so ein Bild ausdenken und drei Wörter dazu schreiben. Das kann doch jeder.“ Schlagartig waren meine Augen rot unterlaufen, ich ahnte schon, wie es weitergehen sollte. Und ich hatte Recht. Der Knaller setzte zum Finale an: „Also wenn ich nur zwei Wochen in der Werbung arbeite, so auf ein Praktikum oder so, dann zeige ich Euch allen mal, wo der Hammer hängt.“

Der Mann war Chirurg, zweifellos eine anspruchsvolle Herausforderung. Doch wie man schon meiner kurzen Gesprächswiedergabe entnehmen kann, seine sprachlichen Fähigkeiten müssten noch reifen. Er hat lange gelernt, bis er das Skalpell endlich ansetzen durfte. Und nun stand er dort, und behauptete, alles besser machen zu können als wir Werbedeppen. Ach, das tat so gut. Genau das, was ich noch gebraucht hatte. Am liebsten hätte ich selbst diverse chirurgische Instrumente an ihm ausprobiert.

Ja, wir machen alle nur einen Job. Und den haben wir gelernt, in der Praxis, unter Schweiß und Tränen und manchmal bis aufs Blute. Und ja, fast jeden Tag haben wir etwas zu meckern. Trotzdem trachten wir danach, unseren Job so gut wie möglich zu machen. Ehrenwort. Und weil soviel von uns darin steckt, sind wir auch ein kleines Bisschen stolz auf das, was wir tun. Klar, es ist moralisch verwerflich, manipulativ, menschenverachtend. Doch bei allem Understatement – diese kleinen Augenblicke, wo die richtige Idee genau den Punkt trifft und die Menschen sogar zum Lachen bringt, entschädigen für alles. Und es ist harte Arbeit, die eben nicht jeder tun kann.

Das habe ich dem Chirurgen natürlich nicht ins Ohr geflüstert. Stattdessen habe ich wortlos den Tisch verlassen und aus Versehen den Rotwein über sein gelacktes, überproportional ausgebildetes Selbstbewusstsein geschüttet.

>>>Nachtrag<<<

Eben das erste Meeting. Manöverkritik zu einer Aktion, die noch Ende des letzten Jahres stattgefunden hatte. CD und GF im Chor: „Da habt Ihr ja echt Scheiße gebaut. Da können wir ja gleich Friseusen einstellen. Die machen das garantiert besser.“

Written by Ulli Kiebitz

Januar 9, 2007 at 1:26 pm

Veröffentlicht in ausbilden, urlauben, werben

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